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Erinnert

Eigentlich wollte ich bei der naechsten Gelegenheit etwas Positives ueber meine Krankheit schreiben. Heute will's mir aber nicht gelingen, weil ich einfach Wut habe.

Ich habe ein Jahr von meinem Leben verpasst. Natuerlich habe ich jeden Tag voll und ganz mitbekommen und sogar gute Erfahrungen gemacht. Alles in Allem war es aber ein Kampf. Kein Leben.

Einerseits kam es mir tierisch lang, andererseits viel zu kurz vor. Denn produktiv gesehen habe ich in diesem Jahr ziemlich wenig erreicht. Ich bin nicht zur Schule gegangen, hatte keinen Alltag, nichts.
Voluminoes gesehen ist in diesem Jahr natuerlich ziemlich viel passiert.
Es war also kein totes Jahr. Mein normales Leben ist "gestorben", was eben halt manchmal den Eindruck verschafft, ich haette nichts Zustande gekriegt. Ich habe mich nicht mit meinem "ueblichen" Leben beschaeftigen koennen, sondern musste mich die gesamte Zeit mit dem Umstand, der sich Krankheit nennt, befassen.

Ich weiß schon gar nicht mehr genau, wie es anfing, oder wann es anfing. Jedenfalls zeigten sich gelegentlich die ersten Symptome in immer geringer werdenden Abstaenden.

Vermutbar ist, dass sich meine Krankheit das erste Mal im Jahr 'o4 zeigte. Dort kam ich ins Krankenhaus wegen akuter Blinddarmentzuendung. Waehrend der OP fanden die Aerzte im Duenndarm Verwachsungen, die sie auch entfernten, weswegen ich dann laenger dort bleiben musste. Es ging mir relativ schnell gut. Wenige Stunden nach der OP ging ich allein auf's WC (hasse Bettpfannen) und rannte schon auf dem Stationsflur herum. Nach 1 1/2 Wochen wurde ich also entlassen.

Seit dieser Zeit hatte ich oft noch Beschwerden. Immer wieder in unregelmäßigen Abständen, traten Krämpfe, Schwellungen am Unterleib u.ä. ein. Nie habe ich mir dabei etwas gedacht.

Im Januar 2006 begannen Symptome wie Muedigkeit, Konzentrationsstoerungen, allgemeines Krankheitgefuehl, Fieber und typische Magen-Darm-Symptome, die aber erst im Sommer richtig auffaellig wurden.

Nach den Sommerferien kam der Eintritt in die Oberstufe. Schon zuvor war ich durch die staendigen Symptome und ein Erlebnis mit einem Lehrer, der mich vor der ganzen Klasse bloßgestellt und als Simulantin bezeichnet hatte, ziemlich unsicher geworden.
Ich konnte meine Beschwerden gar nicht einordnen, merkte nur, dass sie sich immer dringlicher in den Vordergrund stellten, wodurch sich Aengste entwickelten.

Es dauerte nicht lange, bis ich immer unregelmaeßiger in die Schule ging und sich waehrend der Schulzeit die Symptome immer mehr verstaerkten, bis letztendlich Panik in mir ausbrach und ich daraufhin den Unterricht verließ. Ich hatte immer mehr Angst vor den darauffolgenden Schultagen, ohne auch nur die kleinsten logischen Gedanken orten zu koennen.
Es schien rein gar nichts einen Sinn zu ergeben. Ich und meine Eltern waren vollkommen ueberfordert mit dieser Situation und so suchten wir zunaechst meinen Hausarzt auf.
Es entstanden verschiedene, jedoch immer falsche Diagnosen. Von Magen-Darm-Grippe bis zum Reizdarm. Die verordneten Medikamente brachten keine Besserung.

Als auch mein Arzt nicht mehr weiter wusste, ließ er mich ins Krankenhaus fuer einen kompletten Check einweisen.
Zwei Wochen spaeter stand die Diagnose "Morbus Crohn" fest. Noch im Krankenhaus erlebte ich meinen ersten Schub (s. letzten Beitrag in gleicher Kategorie).
Nach meinem Aufenthalt war ich noch 14 Tage krank geschrieben. Als es wieder auf die Schule zuging, reagierte ich mit Fieber.
Erst als ich wusste, dass ich vorerst nicht wieder in die Schule musste, normalisierte sich meine Temperatur.

Schon im Krankenhaus bekam ich die Empfehlung eine ambulante Therapie zu machen. Erst dort wurde mir begreiflich gemacht, dass sich waehrend der letzen Schulzeit Angststoerungen entwickelt und vertieft hatten.
Wir bemuehten uns um einen Platz, ließen mich auf Listen setzen, wo sich eine Jugend- und Kindertagesklinik fand, die bereit war, mir einige ambulante Termine zu geben.
Die Therapeutin selbst brachte mir nicht das geringste. Sie jedoch empfahl mir eine psychosomatische Rehamaßnahme.

Es war bereits spaeter Herbst und wir suchten eine Klinik und schickten Antraege. Im Dezember bekamen wir das erste Mal Post. Es war nur die Bestaetigung, dass sie meinen Antrag bearbeiten und mir das naechste Mal bescheid geben wuerden, wann ich aufgenommen werden wuerde.
Die Zeit ueber versuchte ich den Gedanken an die Klinik zu verdraengen. Richtig realisieren konnte ich das alles eh ohnehin nicht. Nur in Momenten, wo mir gesagt wurde, dass ich schaetzungsweise 2 Monate von zuhause weg sein wuerde, bekam ich tierische Angst. Das zweite Mal erhielten wir Post im Januar, wo dann geschrieben stand, dass am 20. Februar meine Kur beginnen wuerde.

Eigentlich wollte ich mich partout dagegen wehren, aber so, wie mein Leben derzeit verlief, war ich auch ungluecklich. Ich saß jeden Tag zuhause, fluechtete mich die meiste Zeit ins Internet, um ueber Morbus Crohn zu recherchieren, oder mich mit Freunden abzulenken. Das Haus verließ ich nur, wenn es noetig war. Und dann auch niemals allein.
Das Wochenende vor der Kur verbrachte ich noch bei meinem Freund, der in Hessen wohnt. Es war wirklich der einzig glueckliche Zufall. Die Klinik lag nur rund 40 km von ihm entfernt, sodass eine hohe Wahrscheinlichkeit bestand, dass er mich besuchen konnte. Je nachdem, was mir in dieser Zeit erlaubt werden wuerde, wuerde es mir zumindest an Besuch nicht mangeln. Das Wochenende konnte ich nicht richtig bei ihm genießen. Ich wollte nicht, dass der Dienstag eintreten wuerde. Andererseits wollte ich es einfach hinter mich bringen.

Am Dienstagmorgen verabschiedete ich noch meinen Freund, der zur Schule musste. Und einige Zeit danach fuhren wir nach Bad Wildungen.
Die Fahrt ueber waere ich am liebsten aus dem Auto gesprungen und gleichzeitig hoffte ich, dass meine Eltern einfach mit mir umkehren und nach Hause fahren wuerden. Als wir auf den Parkplatz der Klinik einbogen entwickelte ich totale Wut auf sie. Sie schoben mich wirklich einfach ab. Ich merkte aber, dass sie bemueht waren, den Abschied so schmerzlos wie moeglich zu gestalten und noch so viel Zeit mit mir zu verbringen, wie sie konnten. Nach den Anmeldungsterminen war zwischen ihnen und dem Arztbesuch eine große Warteluecke, die sie noch bei mir blieben. Kurz vor dem Arzttermin verabschiedete ich meine Eltern dann und suchte den Raum.

Die Zeit allgemein war wirklich sehr schoen und im Nachhinein bin ich dankbar um diese Erfahrung. Es hat eine ganze Reihe meiner Ansichten und Befuerchtungen geaendert. Ich bin vllt. krank, ja, auch psychisch krank, aber ich bin kein Geistegestoerter, der mich krass von anderen "normalen" Menschen unterscheidet. Viel mehr sind wir die Normalen. (Vllt. werde ich zu diesem Thema noch etwas schreiben.)
Seitdem habe ich auch keine Probleme mehr dazu zu stehen. Ich draenge es nicht jedem auf. Erzaehle also von mir selbst nur den wichtigsten Personen. Fragen aber andere, bin ich bereit, offen darauf einzugehen. Außer ich bin der Ansicht, dass es einfach unnoetig ist. Scham habe ich nicht die Geringste.


Als die Zeit in der Klinik abgelaufen war, war ich ziemlich traurig und waere am liebsten noch ein paar Tage oder auch Wochen geblieben.
Es dauerte seine Zeit, bis ich mich wieder an zuhause gewoehnt hatte. Die Klinik hatte zwar meine gesamten Aengste nicht geloest, sowie ich es am Anfang erwartet haette, jedoch hat sie einen sehr großen Teil dazu beigetragen und ich konnte sehr viel dort lernen.
Zuhause fuehlte ich mich unsicher und ich fiel in ein kleines Tief.

Ich hatte Glueck, dass ich eine Therapeutin fand, die nach dem Kennenlern-Termin entschied, mich aufzunehmen. Mein groeßtes Glueck jedoch besteht darin, dass ich sie sehr mag. Sie gibt einem nicht dieses typische Therapiegefuehl, was ich zB im Krankenhaus oder in der Klinik hatte. Sie ist menschlich. Und doch so distanziert, dass es angenehm ist.

Ich nahm' auch ein freiwilliges Praktikum bis zu den Sommerferien in Angriff, damit ich meinen strukturierten Tagesablauf, den ich durch die Klinik hatte, nicht verlieren wuerde. Die Sommerferien ueber, tat ich einfach nichts. Mein Freund besuchte mich, was mir eine sehr große Hilfe war, da ich mich dazu entschlossen hatte, einen neuen Anfang zu wagen, in die Schule zu gehen.

20.9.07 13:34


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