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Erinnert

Mein Herz klopft. Ich bin nicht allein. Meine Eltern sind bei mir. Sie scheinen ungeduldig. Gleichzeitig aber auch so, als wollten sie Zeit gewinnen. Mir geht es genauso. Moechte wissen, was los ist. Andererseits habe ich Angst vor dem Klopfen und anschließendem Eintreten der Aerzte. Mir ist kalt. Mama nimmt meine Hand - sie ist schwitzig. Meine Bettnachbarin liest. Sie wirkt ruhig. Ich beneide sie. Gleich kommt bestimmt wieder ihr Mann, bringt Blumen und Illustrierte mit. Was ist, wenn ich nichts habe? Haelt mich dann jeder für eine Luegnerin?
Ich war lange zuvor nicht mehr in der Schule gewesen. Immer wieder hatte ich Beschwerden gehabt, welche sich nach einer Zeit in Aengste und Panik steigerten. Irgendwann bin ich dann aus Angst vor ihnen ganz zu Hause geblieben. Meine Mutter war besorgt, ratlos und skeptisch. Hilflos. Manchmal hatte sie geweint. Und manchmal auch ich. Ich wusste selbst nicht, was mit mir los war. Der Hausarzt tippte zuerst auf einen grippalen Infekt, dann auf Reizdarm. Keines der Medikamente schlug an. Als auch er mit seinem Wissen am Ende war, ließ er mich ins Krankenhaus einweisen.
Ich habe die scheinbar unzaehligen Untersuchungen nun hinter mir. Warte nur noch auf das Ergebnis. Hoffentlich bekomme ich heute etwas zu essen. Die vorigen Tage war ich dazu gezwungen, abzufuehren und nuechtern zu bleiben. Seitdem knurrt mir der Magen. Wasser und Tee bin ich leid. Ploetzlich klopft es. Zwei Aerzte mit einer Krankenschwester im Schlepptau betreten den Raum. Alle sind mir bekannt. Fr. Dr. V. mag ich. Ihre Assistenzaerztin ist auch nett. Die Krankenschwester nehme ich kaum wahr. Fr. Dr. V. hat einen komischen Gesichtsausdruck. Sie laechelt kurz, waehrend sie mir die Hand gibt, verzieht ihren Mund dann zu einer ernsten Miene. Mir wird heiß und kalt. Und ich habe Hunger. Ich hoere nicht genau, was sie sagt. Nur, dass es ihr leid tut, sie etwas gefunden haben, das Morbus Crohn heißt. Ich bin erleichtert. Frage mich, wieso sie mir die Botschaft in so einem mitleidigem Unterton ueberbringt. Ich habe etwas, bin keine Luegnerin! Und das Beste daran ist: Ich weiß, was ich habe. Jetzt kann mir geholfen werden.
Fr. Dr. V. bittet meine Eltern hinaus. Mit einem Schlag durchflutet mich ein komisches Gefuehl. So, als wuerde man meinen Magen zusammendruecken. Was soll das jetzt?!
Ich moechte wissen, was sie da bereden. Schließlich geht es doch um mich! Und ich bin alt genug. Fast achtzehn. Unterschreiben sie die Entlassungspapiere? Von Entlassung hat sie gar nichts erwaehnt. Es dauert lange, bis sie wieder zurueckkommen. Viel zu lange. Mama sieht bedrueckt aus. Das macht mir Angst. Fr. Dr. V. stellt sich an mein Bettende, sagt mir, dass sie mir nun erklaeren wuerde, was fuer eine Krankheit ich habe. Wieder verstehe ich nur Bruchstuecke, die wie ein Echo in meinen Ohren hallen, bis sie schließlich, immer leiser
werdend, verstummen. Chronisch. Entzuendung. Cortison. Krankenhaus. Operationen. Die Aerztin verstummt. Ich sehe sie an. So viel auf einmal. Mir geht's nicht schlecht, nicht gut. Ich weiß, was ich habe, aber nicht, was es ist. Fragezeichen. Im ganzen Raum schweben Fragezeichen. Trotzdem ich nun weiß, dass ich krank bin, fuer immer, es unheilbar ist, kann ich mir nicht das geringste Bild davon machen. Eine kleine Entzuendung soll an den ganzen letzten Wochen, die ich zu Hause verbracht habe, Schuld sein?!
Fr. Dr. V. verlaesst samt Anhang den Raum. Papa soll mir noch einige Dinge erklaeren, die er von ihr gesagt bekommen hat. Fr. Dr. V.s Saetze tauchen immer wieder in meinem Kopf auf, vermischen sich mit Papas. Stimmengewirr. Chaos. Ich moechte schlafen. Und essen.

27.8.07 19:35


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